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Japan

Neues von Corinna Beckmann, die sich zurzeit in Japan aufhält...

Erfahrungen in der japanischen Schule von Corinna Beckmann

Nach einer langen Pause kommt hier auch endlich mal wieder ein Update!!

Diesmal möchte ich über das Thema Schule schreiben. Erst mal zum japanischen Schulsystem.
In Japan gibt es, wie in Amerika, das 6 ? 3 ? 3 System. 6 Jahre Grundschule, danach 3 Jahre Mittelschule und im Anschluss 3 Jahre  Oberschule mit einem Abschluss, der in Deutschland etwa dem Abitur entspräche. Danach gibt es, je nach Berufswunsch, 2 bis 4 Jahre Universität. Mehr als die Hälfte der Schüler streben ein Universitätsstudium an. Ein normaler japanischer Schüler beginnt seine Berufstätigkeit  also mit knapp 20 bis 22 Jahren an.
Das Schuljahr geht von April bis März. Es beginnt also im Frühling und nicht im Sommer. Es gibt knapp 1 bis 2 Wochen Winter- und Frühlingsferien und 4 Wochen Sommerferien, in denen man aber sehr viele Hausaufgaben bekommt.
Es gibt jeweils zwei Arten von Schulen/Universitäten; staatliche und private. Staatliche Schulen sind nicht ganz so teuer wie private. Unterschiede gibt es zum Beispiel bei den Schuluniformen und dem Anschluss an die Universität. So kann der Gang auf eine private Schule einem fast schon den Weg zu einer guten Universität ebnen, für den der normale staatliche Schüler mehr lernen muss. Privatschule heißt aber nicht in jedem Fall auch hohes Niveau. Da kann ich nur meine Schule als Beispiel nennen. Ich gehe auf eine staatliche Schule, die aber hier im Gebiet unter die Top 5 aller Schulen fällt. Hier in Hashimoto gibt es auch eine Privatschule, von der ich aber noch nicht so viel gehört habe.

Schulleben

Schüler müssen alle eine Schuluniform tragen: Mädchen Röcke und Matrosenoberteile bzw. Blusen und Jungen Hosen und eine bestimme Jacke dazu. Im Sommer werden dann weiße Hemden getragen. Jede Schule hat ihre eigene Uniform, damit man gleich erkennt, wer wohin gehört.
Außerdem werden den einzelnen Jahrgängen Farben zugewiesen, so damit jeder weiß, in welchem Jahrgang sein Gegenüber sich befindet. Diese tauchen dann z.B. in den Schulschlappen oder Sportuniformen auf. Die Schuhe haben entweder eine Sohle in rot, grün oder blau. Wenn man neu in die Schule kommt und dieser Jahrgang z.B. blau bekommt, wird blau bis zum Abschluss getragen.
Die Farbe wird erst wieder vergeben, wenn der letzte ?blaue Jahrgang? die Schule verlassen hat.
Die Sportuniform hat dann dieselbe Farbe. Es gibt, wie bei der Schuluniform, besondere Sommer- und Winterkleidung. Dazu kommt noch, dass auf der Sportuniform der eigene Name eingestickt wird, damit der Sportlehrer gleich weiß, wer du bist.
Schüler dürfen sich die Haare nicht färben und  keinen Schmuck tragen, Ohrringe sind ebenso verboten wie lackierte Fingernägel. Dadurch soll das Ideal der ?japanischer Schönheit? gepflegt werden.
Die ?Schulschlappen? sind aus unserer Sicht eine besondere Kuriosität. Sie werden getragen, um die Schule sauber zu halten . Die Schüler wechseln also ihre Schuhe, wenn sie das Gebäude betreten, damit sie am Ende eines Tages nicht so viel aufräumen und putzen müssen. 
Zum neuen Schuljahr und zum neuen Halbjahr im Sommer versammeln sich alle Schüler in der Sporthalle und mehrere Lehrer, der Schulleiter und der stellvertretene Schulleiter halten jeweils eine Rede. Dazu wird dann noch die Schulhymne gesungen, die manche Schulen hier haben. Jeder Schüler beherrscht den Text.

Die Schule fängt jeden Tag um 8.45 Uhr mit einer zehnminütigen Klassenstunde an, in der kurz der Tagesplan und Organisatorisches besprochen wird, falls etwas anfällt. Um 9.00 Uhr beginnt dann der Unterricht. Eine Stunde ist 50 Min lang und nach jeder Stunde sind 10 Min Pause. Hier kommt der Lehrer wie bei uns zur Klasse, um den Unterricht ab zu halten.
Die erste richtige Pause ist die Mittagspause von 12.50 Uhr bis 13.20 Uhr nach der 4. Stunde. Um 15.15 Uhr endet dann der Unterricht nach der 6. Stunde und es gibt noch mal 10 Min Klassenstunde, bis dann für knapp weitere 20 Min die Schule geputzt und aufgeräumt wird. Dafür existiert ein Plan, wer wann für was verantwortlich ist. Es muss nicht jeder jeden Tag etwas tun. Danach gibt es AGs, aber dazu später.

In den Klassen sitzen meist bis zu 40 Schüler, was nichts Ungewöhnliches ist. Jungen und Mädchen haben ihre Plätze meist getrennt voneinander.  Die Platzverteilung richtet sich nach dem Alphabet.
Der Unterrichtsstil ist ganz anders als in Deutschland. Bis auf Mathe, English und ab und zu Modernes Japanisch (hier wird zwischen Modernem Japanisch und Alt-Japanisch unterschieden. Alt Japanisch enthält Übersetzungen von alten Schriften, während modernes Japanisch, wie der Name sagt, eher aktuelle Themen behandelt), steht der Lehrer nur vorne an der Tafel und erklärt den Stoff, macht Notizen und fragt eher selten den Schüler. Diskussionen über Themen gibt es nicht. Das führt dazu, dass in den Tests nur Daten und Fakten abgefragt werden und der Schüler nicht  zu selbstständigem Denken angehalten wird.
Der Schüler für seinen Teil schreibt alles brav von der Tafel ab und wiederholt, was der Lehrer diktiert, was manchmal richtig langweilig werden kann und hier und da ein Schüler mal im Unterricht einschläft. In diesem Falle wird der Lehrer aber nicht sauer  oder verteilt gar Strafarbeiten. Nein. Meist lassen die Lehrer den Schüler schlafen und machen einfach weiter.

Das ist v.a. in den Fächern Biologie, Japanische Geschichte, Weltgeschichte, Chemie und Alt-Japanisch der Fall. Dabei halte ich gerade Alt-Japanisch und Geschichte für besonders gute Themen, um Diskussionen zu starten. Da frage ich mich manchmal, in wie weit die Schüler das, was sie Tag für Tag aufschreiben, eigentlich wirklich in sich aufnehmen.

Im Sportunterricht werden Maedchen und Jungs getrennt unterrichtet. Besonders im Schwimmunterricht wird darauf geachtet, dass Geschlechtertrennung herrscht. Ich selber finde das nicht so gut, aber Japaner sind im dieser Hinsicht noch etwas prüde.

Musik hingegen ist ein völlig anderes Thema. Neben dem typischen Informationen über diverse Musikstile und berühmte Musiker wird hier viel mehr in Projekten gearbeitet. U. a. bekamen wir einmal den Auftrag, uns eine Gruppe zu suchen, ein Musikstück zu wählen und das neu und anders darstellen, z.B. den Rhythmus verändern.

Was mich zu dem Thema  ?Kultur? bringt. Wenn die Schule gegen 15.45 Uhr zu Ende ist, geht der Großteil der Schülerschaft nicht nach Hause, sondern bleibt in der Schule für AGs, die es in den Bereichen Kultur und Sport in großer Vielfalt gibt.
Zu den Sport AGs zählt u.a. Baseball (der Volkssport; entspricht dem deutschem Fußballfieber), Kendo, Volleyball, Fußball, Tennis, Leichtathletik, Cheerleading, Schwimmen.
Im Gegenzug bieten die Kultur AGs u.a. die Kunst der Teezeremonie, Brass Band, Chor, Koto (jap. Zupfinstrument), Kunst, Zeichensprache, Bibliothek und Fotoclub.
Wenn nicht von der AG anders angegeben, findet diese jeden Tag für mindestens 2 Stunden statt. Selbst am Samstag und Sonntag wird die Teilnahme entweder am ganzen oder halben Tag erwartet. Niemand beschwert sich darüber, am Wochenende in der Schuluniform zur Schule zu gehen.
Ein Sportclub der Schule kommt einem Verein gleich. Jedes Jahr gibt es große Turniere. Diese Sportarten erfreuen sich so großer Beliebtheit, dass Baseball und Volleyballspiele der Oberschüler im Fernsehen übertragen wird. Dazu gibt es immer großartige Veranstaltungen, und jeder ist stolz auf sein Schulteam.
Ich weiß noch zu genau, wie traurig alle in meiner Klasse waren, als das Baseballteam verloren hat. Die Jungen haben ohne Ton heimlich im Unterricht das Spiel auf dem (TV-fähigem)Handy verfolgt.
Entsprechende Turniere und Meisterschaften gibt auch im musischen Bereich.

Wenn dann gegen 18-19 Uhr auch die AG zu Ende ist, gehen viele Schüler noch zu einer der vielen Nachhilfeschulen. Diese können bis 23Uhr gehen. Kein Wunder, dass Schüler, wie oben erwähnt, auch mal im Unterricht einschlafen.
Diese Nachhilfeschulen sind meist dafür da, dass die Schüler auf die Aufnahmetests für die Universität oder eine gute Schule vorbereitet werden.

Tests in der Schule sind meiner Meinung nach sehr schlecht in das Schulleben integriert. Für Tests und Arbeiten gibt es speziell eine Testwoche, wo jeden Tag 2 Arbeiten geschrieben werden und das war?s. Eine Woche davor kriegt der Schüler extra Zeit, sich auf diese Tests vorzubereiten, wie z.B. extra Hausaufgaben und Zeit während des Unterrichtes. In dieser Zeit kommen die AGs aber nicht zu kurz. Das Training läuft in den meisten Fällen weiter.
Ich persönlich finde es nicht ganz so angenehm, eine Woche lang nur Arbeiten zu schreiben.

Wie wichtig Universitäten sind, merke ich fast jede Woche aufs Neue. Ganz oft bekommen wir Fragebögen bezüglich unserer Zukunftspläne.  Universitäten  werden vorgestellt und Broschüren und Flyer zu verschiedenen Veranstaltungen verteilt. Auch im Fernsehen laufen dazu sehr viele Werbespots.

Aber das Leben besteht nicht nur aus Clubs und Unterricht, nein, es gibt auch ein Sportfest, ein Volleyballturnier und ein Schulfest. Diese fand ich persönlich besonders interessant.
Das Volleyballturnier fand im Juni statt. Davor wurde in den Sportstunden immer trainiert. An dem Turnier nahmen alle teil. In den Klassen wurden mehrere Teams zusammen gestellt, die im Turnier auch zum Teil gegeneinander angetreten sind. Ich war sehr erstaunt, wie ernst alle dieses Turnier nahmen.
Das Schulfest ist etwas völlig anderes als das, was wir aus Deutschland kennen. Es ist kein Schulfest mit Kuchenständen, einem Basar und ein paar Aktivitäten. Nein. Diese große Festival  ging über zwei Tage, Freitag und Samstag. Am Montag bekamen wir dann dafür schulfrei.
Für das Schulfest präsentierten die Kultur AGs einzelne Aktivitäten, die man in der Mittagspause aufsuchen konnte. Z.B. Teezeremonie, Fotoclub, Kunstclub usw.
Die eigentliche Attraktion war eine Veranstaltung in der Turnhalle. Jede Klasse bekam 20 Min Zeit um etwas aufzuführen, entweder ein kleines Theaterstück oder Tänze. Diese wurden zwei  Wochen lang vor dem Fest vor und nach der Schule vorbereitet. Über den Klassenzusammenhalt war ich sehr überrascht. Wirklich jeder hat teilgenommen. Einige kümmerten sich um das Licht und die Musik, andere erstellten die Poster, mit denen jede Klasse während dieser Zeit an den Schulwänden für ihre Veranstaltung warb, und wiederum andere arbeiteten an der eigentlichen Vorführung.
Meine Klasse z.B. hat getanzt. Die Mädchen haben sich in zwei Gruppen aufgeteilt und die Jungs haben sich auch etwas ausgedacht. Dazu kam dann noch ein Tanz, den alle zusammen getanzt haben.  Insgesamt kamen wir auf vier Tänze.
Eine andere Klasse über uns fand ich persönlich am besten. (Sie haben auch den Wettbewerb für die beste Aufführung gewonnen). Sie präsentierten eine Parodie auf die Geschichte von Aladin, die wirklich sehr amüsant war.
Wie in den meisten anderen Aufführungen auch, wurden die Mädchenrollen durchweg von den Jungen gespielt, was einfach nur sehr interessant war.
Das andere Sportfest wird im September abgehalten, daher kann ich dazu noch nicht viel sagen, außer, dass es halt mehrere kleine Aktivitäten sind und kein großes Spiel.

Die Schüler untereinander gehen freundlich miteinander um. Bis jetzt habe ich noch keine Prügeleien, Beleidigungen oder Mobbing gesehen. Auch Animositäten zwischen den einzelnen Klassen gibt es nicht. Schüler, die den Unterricht schwänzen sind an meiner Schule relativ rar. Aber das ist vielleicht bei anderen Schulen nicht so der Fall.
In allen Schulen herrscht das Prinzip, dass der ältere Schüler auf den jüngeren aufpasst und diesem hilft. Dieses System gefällt mir sehr gut, da es eine Art von Verantwortungsgefühl vermittelt.

Ich konnte hier nur das Leben an meiner Schule darstellen.  Natürlich variieren Einzelheiten von Schule zu Schule, aber das eigentliche System ist doch überall dasselbe.

Alles in allem gefällt mir die japanische Schule sehr gut, bis auf den Unterrichtsstil, der manchmal sehr langweilig werden kann. Manche Lehrer schaffen es halt nicht, diese Unterrichtsmethode interessant zu gestalten, was anderen wiederum gelingt. Ansonsten bin ich von dem Schulgeist begeistert und mit wie viel Elan alle an die Arbeit gehen.

An meiner Schule gestalten die meisten Lehrer ihren Unterricht allerdings doch interessant. Besonders lustig fande ich, als vor kurzem der Schulleiter während des Unterrichts durch die Gänge lief und gefegt hat. (Man kann von den Klassen aus auf den Gang gucken, da dort Fenster sind). Da war ich doch sehr überrascht. Außerdem taucht er ab und zu mitten im Unterricht auf und guckt, was die Schüler so machen. Ohne Vorwarnung.

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